Text 9
Familie
Die 15-jährige Tina wächst bei ihren Eltern auf, die beide berufstätig sind. Bis zum 5. Lebensjahr wird Tina von ihrer Oma betreut. Danach ist Tina - bis auf gelegentliche Betreuung durch Außenstehende - weitestgehend auf sich allein gestellt. Wenn ihre
Eltern abends zu Hause sind, streiten sie sich häufig. Ihr Vater beginnt zu trinken. Die labile Mutter kann ihr keine Wärme geben. In der Schule kommt es zu Schwierigkeiten.
Um der Langeweile zu entrinnen und den Mitschülern zu imponieren, beginnt Tina mit kleinen Warenhausdiebstählen und
Schwarzfahren. Als sie mit 14 die Freundin eines Cliquenchefs wird, nimmt sie an Einbruchsstählen teil, später auch an Raubstraftaten.
Schließlich wird sie gefasst. Als Tina von den Polizeibeamten nach Hause gebracht wird, fallen die Eltern aus allen Wolken.
So vielfältig die Ursachen devianten Verhaltens Jugentlicher sein mögen, eines steht fest: Für die Persönlichkeitsentwicklung und das
Erlernen sozialen Verhaltens ist die Familie von entscheidender Bedeutung. Eine wesentliche Aufgabe der Familie oder einer familienähnlichen Gemeinschaft besteht darin, dem Kind durch stabile
Beziehungen, Liebe, Geborgenheit und Akzeptanz die Chance zu geben, Selbstvertrauen zu entwickeln.
Die Betrachtung des Lebensweges von Jugendlichen, die wiederholt Straftaten begehen, zeigt immer wieder, dass viele dieser jungen Menschen in problematischen familiären Verhältnissen aufgewachsen sind. Bei ihnen ist das Straffälligwerden oft Symptom für
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massive persönliche und soziale Probleme. Als familiäre Risikofaktoren gelten insbesondere der häufige Wechsel von Bezugspersonen, zuwenig Zuwendung oder sogar Ablehnung durch die Eltern, körperliche und seelische Misshandlungen, ein verwöhnender, übermäßig strenger oder inkonsequenter Erziehungsstil, mangelndes Interesse am Kind sowie negative Vorbilder der Eltern etwa in Bezug Aggressivität oder die
Einhaltung von Normen.
Bei den häufig entwicklungsbedingt notwendigen
Auseinandersetzungen zwischen Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern geht es meist um das Austesten von Verhaltensgrenzen, um die soziale Einordnung in eine Gemeinschaft und um den Platz in der
Familie. Dies gelingt aber nur dann, wenn Eltern frühzeitig angemessene Reaktion zeigen. Fehlt die Reaktion, tastet das Kind immer weitergezogene Grenzen ab, bis es Aufmerksamkeit erzeugt. Hierauf können z.B. auch kleinere Diebstähle, Sachbeschädigungen oder Körperverletzungen zurückzuführen sein.
Aufgabe. Beantworten Sie folgende Fragen zum Imhalt des Textes.
1.Aus wie viel Personen besteht die Familie Tinas?
2.Wer betreut Tina?
3.Was ist mit ihren Eltern geschehen?
4.Welche Delikte begeht Tina?
5.Welchen Faktor hält man für das wichtigste bei der Persönlichkeitsbildung der Jugendlichen?
6.Welche Faktoren fördern die Entwicklung des Selbstvertrauens der Kinder und Jugendlichen?
7.Worum geht es meist bei den entwicklungsbedingten Auseinandersetzungen zwischen Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern andererseirs?
8.Welche Faktoren in der Familie führen zum devianten Verhalten des Kindes?
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Text 10
Wohnsituation, Wohnumfeld und Freizeit
Der 14-järige Thomas und sein 15-jähriger Freund Christian bewohnen mit ihren Familien jeweils eine Wohnung in einer
Hochhaussiedlung in einem Vorort von Köln. Spielmöglichkeiten bietet der kleine Spielplatz nur für die Kleineren. Thomas und Christian langweilen sich „zu Tode“. Die Tatsache, dass sie keine Freizeitbeschäftigung finden, macht sie unzufrieden und aggressiv. Als Thomas seinem Freund vorschlägt, mit ihm eine Telefonzelle zu „frisieren“, stimmt dieser der Idee zu. Beide suchen eine
Telefonzelle in einem Hochhausblock auf, warten ab, bis sie niemand mehr beobachten kann, und schlagen dann zu. Nach fünf Minuten verlassen beide blitzartig den Ort und hinterlassen eine völlig zerstörte Telefonzelle. Wenig später werden sie von der Polizei aufgegriffen. Bei ihrer Vernehmung nach Gründen gefragt, geben sie an, aus purer Langeweile gehandelt zu haben.
Mängel in der Wohnsituation und dem Wohnumfeld können die
Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ebenfalls stark beeinträchtigen.
Vieles spricht dafür, dass Familienwohnungen, die übermäßig beengt oder ihrem Zuschnitt nach kommunikationsschädlich angelegt sind, zusätzliche Konfliktmöglichkeiten eröffnen oder Konflikte verschärfen. Diese Konflikte können sich in Form von kriminellem
Verhalten entfachen.
Größere Bedeutung für das Straffälligwerden von Jugendlichen muss dem Wohnumfeld beigemessen werden. Die Gestaltung bestimmter Stadtteile kann Einfluss auf die Kriminalitätsentstehung und -verteilung haben. Hier sollte zunächst die Frage gestellt werden, welche Möglichkeiten der Betätigung und Beschäftigung der
Jugendlichen in der Freizeit geboten werden. Ob anregende Spielplätze
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und attraktive Freizeitangebote in ausreichendem Maße vorhanden sind, die den Bewegungsund Entdeckungsbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen gerecht werden. Fehlender Freiraum für kindliche Aktivitäten und jugendliche Bedürfnisse können zu einer Steigerung der Aggressivität führen, die in Kriminalität münden kann.
Die Architektur von Hochhaussiedlungen begünstigt die Zunahme von Anonymität. Die Folgen können Isolierung und Rückzug der Bewohner sowie die Entstehung ungeschützter Zonen in Korridoren, Treppenhäusern, Fahrstühlen und Eingangsbereichen sein. Hierdurch können Sachbeschädigungen und Personendelikte begünstigt werden. Ähnliches kann für zu große Schulund Freizeitkomplexe gelten, wenn
diese keine Möglichkeiten bieten, ein Zugehörigkeits- |
und |
Verantwortungsgefühl zu entwickeln. |
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Aufgabe. Beantworten Sie folgende Fragen zum Imhalt des Textes.
1.Wie heißt Freund von Thomas?
2.Wie alt sind die beiden Jungen?
3.Wo wohnen sie?
4. Wozu führt das Fehlen der Freizeitbeschäftigung der Jugendlichen? ?
5.Welchen Vorschlag macht Thomas seinem Freund?
6.Welche Gründe hat die Tat beider Freunde?
7.Welche Nachteile können Mängel in der Wohnsituation und dem Wohnumfeld nachziehen?
8.Zu welchen Folgen können Konflikte in der Wohnung der Jugendlichen führen?
9.Welchen negativen Einfluss übt das Fehlen der Möglichkeiten zur Betätigung und Beschäftigung der Jugendlichen in der Freizeit aus?
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Text 11
Jugendarbeitslosigkeit
Der 16-jährige Daniel hat den Hauptschulabschluss geschafft. Er
hat die Absicht, nach der Schule |
eine Lehre als |
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Kraftfahrzeugmechaniker zu machen. Nachdem er mehr |
als 50 |
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Bewerbungen verschickt und keine positive |
Antwort erhalten hat, |
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hat er „keinen Bock“ mehr*. Er trifft sich schon morgens mit |
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anderen arbeitslosen Freunden in einer Spielhalle, um dort |
„das |
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Leben zu genießen“. Diese Gewohnheit entwickelt sich zu einem suchtartigen Zustand. Daniel empfindet schließlich einen inneren Zwang zu spielen. Zu diesem Zweck benötigt er eine Menge Geld.
Nachdem Daniel sein Taschengeld verspielt hat und der Freundschaftskredit bei seinen Kumpeln verbraucht ist, entschließt er sich, Ladendiebstähle zu begehen.
Als Daniel „erwischt“** wird, besitzt er bereits einige Übung. Durch Hilfe seiner Eltern, eines Psychologen und das Finden
einer Lehrstelle ist Daniel seitdem nicht wieder in Erscheinung getreten.
Der Mangel an Ausbildungsund Arbeitsplätzen erschwert den betroffenen jungen Menschen die Eingliederung in die Gesellschaft.
Vielen fällt es schwer, realistische, positive Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die psychischen Folgen verlieren je nach
Erfahrungshintergrund und Persönlichkeit und können von Resignation und Rückzug über Krankheitssymptome bis hin zu Rebellion und Kriminalität reichen.
Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand lässt sich eine zwingende
Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Arbeitslosigkeit und
Kriminalität nicht nachweisen. Dennoch müssen zeitlicher Leerlauf
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